
- Foto: LMZ Baden-Württemberg
Gesellschaft im Wandel
Dr. Iris Häuser
Die Gesellschaft Baden-Württembergs hat seit der Gründung des Landes einen grundlegenden Wandel durchlaufen. Mit der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung haben sich auch die Lebensverhältnisse der Menschen nachhaltig verändert. Deren Verbesserung ist zunächst das Ergebnis einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Das Musterländle ist attraktiv für Zuwanderer; lange Zeit hatte es den größten Bevölkerungszuwachs in Deutschland. Hier lebt die jüngste Bevölkerung mit der gleichzeitig höchsten Lebenserwartung in Deutschland. Baden-Württemberg hat eine der niedrigsten Erwerbslosenquoten in Deutschland und das höchste Pro-Kopf-Einkommen aller deutschen Flächenländer. Trotz regionaler Unterschiede in der Wirtschaftskraft existieren keine „armen“, strukturschwachen Gebiete.
Doch jede Wachstumsregion hat auch ihre Sorgen. Studien belegen, dass etwa zehn Prozent der Haushalte mit weniger als 10.000 Euro pro Jahr auskommen müssen und damit unter der Armutsschwelle leben. Auf der anderen Seite haben aber auch rund zehn Prozent der Haushalte mehr als 50.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Die Kluft zwischen arm und reich im Land wird größer.
Unter den Vorzeichen des demografischen Wandels wird sich zudem die hohe Lebenserwartung beispielsweise in einem wachsenden Pflegebedarf niederschlagen. Das anhaltende Bevölkerungswachstum hat das Land zu einem der am dichtesten besiedelten Flächenländer gemacht. Das Ergebnis sind nicht nur allgemein sehr hohe Lebenshaltungskosten, sondern auch die höchsten Grundstückspreise in Deutschland und ein hoher Flächenverbrauch.
Eine mobile und differenzierte Gesellschaft
Aus einer traditionellen, in vielen Regionen auch noch stark agrarisch geprägten Nachkriegsgesellschaft hat sich eine moderne, mobile und differenzierte Gesellschaft entwickelt. Klassische Unterscheidungsmerkmale der Sozialstruktur haben schrittweise an Bedeutung verloren. Das betrifft die traditionellen, an Erwerbsstatus und Besitz orientierten Kategorien der sogenannten Ober-, Mittel- und Unterschicht ebenso wie den Gegensatz von Stadt und Land oder die Prägung aufgrund historischer Konfessionsstrukturen.
Andere Kriterien sind dagegen bedeutsamer geworden. Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft bestimmen zunehmend die möglichst lebenslangen Teilhabechancen an Bildung über die Lebenswege und den sozialen Status der Menschen. Flexibilität und Mobilität nicht nur im räumlichen Sinne, sondern auch die Bereitschaft zur Qualifizierung entscheiden über die berufliche Entwicklung, über Einkommensverhältnisse und Teilhabe an Bildung und Kultur. Mit dem Begriff der „bildungsfernen Schichten“ wird heute eine neue Unterschicht bezeichnet, deren schwierige wirtschaftliche Verhältnisse zum größten Teil auf Bildungs- und Ausbildungsdefizite zurückzuführen sind.
Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen für politisches und staatliches Handeln. Eine differenzierte, in manchen Bereichen auch individualisierte Gesellschaft erfordert auch differenzierte politische Konzepte. Die Handhabung und Entwicklung gesellschafts- und sozialpolitischer Modelle und Instrumente ist keineswegs einfacher geworden. Nicht nur, weil die finanziellen Spielräume knapper geworden sind. Vielmehr steht die Gesellschafts- und Sozialpolitik vor komplexen Aufgaben, die sich vielfach nur als Querschnittsaufgaben bewältigen lassen.
Mit den Stichworten demografischer Wandel, Familienpolitik bzw. Förderung von Kindern und Jugendlichen, Integration von Migranten sowie Chancengleichheit für Frauen und Männern sind weiterhin zentrale gesellschaftspolitische Herausforderungen benannt.
Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren

Ministerin: Katrin Altpeter
Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren
