
- Foto: LMZ Baden-Württemberg
Landwirtschaft
Dr. Reinhold Weber
In keinem anderen Wirtschaftsbereich sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Strukturveränderungen so tiefgreifend gewesen wie in der Landwirtschaft. Auch in Baden-Württemberg – einem traditionell stark agrarisch geprägten Land – hat die Landwirtschaft stetig an Bedeutung verloren. Seit 1950 wurden mehr als eine Viertel Million land- und forstwirtschaftliche Betriebe aufgegeben. Während 1950 ein Landwirt noch zehn Menschen ernährte, waren es im Jahr 2000 aufgrund umwälzender Erfindungen und technischer Verbesserungen mehr als 120. Die Versorgung der Bevölkerung mit umweltschonend und kostengünstig erzeugten Nahrungsmitteln ist auch heute noch eine wesentliche Aufgabe der Landwirtschaft Baden-Württembergs.
Landwirtschaft als Nebenerwerb
Charakteristisch für die Landwirtschaft im Südwesten sind immer noch die große Bedeutung von Kleinbetrieben in Form bäuerlicher Familienbetriebe und der traditionell hohe Anteil an Nebenerwerbslandwirten, die tagsüber
einem anderen Beruf nachgehen und nach Feierabend ihren Hof umtreiben. Dies ist zum Teil eine Folge der relativ hohen Besiedlungsdichte, vor allem in den Realteilungsgebieten, aber auch im Einzugsbereich der Städte. Hier lockten schon immer besser bezahlte Arbeitsplätze in Gewerbe und Industrie. Deutlich mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe im Land sind heute Nebenerwerbsbetriebe. Ihr Anteil hat in den vergangenen Jahren permanent zugenommen.
Sonderkulturen
Baden-Württemberg ist ein Land der Sonderkulturen: Schwetzinger Spargel, Tettnanger Hopfen, Bühler Zwetschgen, Filderkraut, bundesweit bedeutendstes Erzeugerland für Äpfel, Tabak und Erdbeeren, zweitgrößtes weinbautreibendes deutsches Land – die Beispiele belegen, dass dem Anbau von Sonderkulturen in Baden-Württemberg eine besondere Bedeutung zukommt. Sie stellen besondere Ansprüche an Wachstumsfaktoren, erfordern hohen Arbeitsaufwand und hohe Anforderungen an Erntetechnik und Weiterverarbeitung. Mit Sonderkulturen erwirtschaften die heimischen Landwirte aber auch den größten Teil ihrer Verkaufserlöse aus pflanzlichen Erzeugnissen.
Darüber hinaus gibt es im Südwesten eine vielfältige Landwirtschaft mit Getreide-, Hackfrucht-, Ölfrucht- und Futteranbau sowie Grünland- und Forstwirtschaft. Je nach Klima, Boden, Höhenlage und Absatzmöglichkeiten haben sich dabei regionale Schwerpunkte entwickelt. Auch die Förderung erneuerbarer Energien hinterlässt deutliche Spuren in der landwirtschaftlichen Bodennutzung: Der Anbau von Silomais und Winterraps, die beide als Energiepflanze Verwendung finden können, legt deutlich zu. In nicht wenigen Landesteilen ist die Agrarproduktion durch Tierzucht und Tierhaltung geprägt, deren Produkte eine wesentliche Einkommensquelle darstellen.
Ökologischer Landbau
Mehrere Lebensmittelskandale in den vergangenen Jahren haben das Ernährungsbewusstsein der Verbraucher gesteigert und der regionalen Landwirtschaft wie auch dem ökologischen Landbau eine günstigere wirtschaftliche Perspektive eröffnet. Die zahlreichen – und immer mehr werdenden – Öko-Betriebe im Land bewirtschaften im Durchschnitt mehr Fläche als der konventionelle Landbau.
Durch das Grundprinzip der artgerechten Tierhaltung sind die durchschnittlichen Tierbestandszahlen deutlich niedriger und die Milchwirtschaft spielt eine geringere Rolle. Direktvermarktung und Gästebeherbergung sind bei den Öko-Betrieben dagegen deutlich stärker verbreitet. Inzwischen arbeitet mehr als jeder zwanzigste Betrieb im Land nach den Kriterien des ökologischen Landbaus.
Weinland Baden-Württemberg
Baden-Württemberg ist mit etwa 27.000 Hektar und damit einem Anteil von rund einem Viertel der gesamtdeutschen Rebfläche das zweitgrößte Weinland in der Bundesrepublik. Der Weinbau im Land ist für seine Vielfalt und seine regionalen Besonderheiten bekannt. Die lange Vegetationszeit und die unterschiedlichen Klima- und Bodenverhältnisse bieten ideale Voraussetzungen für die Ausbildung geschmacklicher Feinheiten. Beide Anbaugebiete des Landes, Baden und Württemberg, sind für ihre spezifischen Rebsorten und für ihre Spezialitäten bekannt. Im Anbaugebiet Baden dominiert der Weißwein und der Anbau der Burgunderrebsorten: gehaltvolle Grauburgunder oder Ruländer, belebende Spätburgunder sowie elegante Weißburgunder. Ergänzt wird das Sortiment durch spritzige Gutedel, feinblumige Rieslinge (die in der Ortenau Klingelberger heißen), saftige Müller-Thurgau-Weine und herzhaften Weißherbst.
In Württemberg stehen hingegen die Rotweine im Vordergrund. Fruchtige Trollinger, kräftige Lemberger, Schwarzriesling, Portugieser und Samtrot findet man fast nur im Weinbaugebiet Württemberg, wo mit der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg eine lange Tradition der Neuzüchtung, Kreuzung und Veredelung von Rebsorten besteht. Unter anderem wurde hier die Kernerrebe geschaffen, eine Neuzüchtung aus Trollinger und Riesling, benannt nach Justinus Kerner, dem Dichter der schwäbischen Romantik. Fruchtige Rieslinge, Silvaner, Grauburgunder und Gewürztraminer ergänzen das württembergische Rebsortiment im Weißweinbereich.
Statistische Daten

Von Familienangehörigen bis hin zu Saisonarbeitern - Arbeitskräft in der Landwirtschaft
Im Rahmen der Landwirtschaftszählung 2010, der großen "Inventur" der landwirtschaftlichen Betriebe, wurde ermittelt, dass insgesamt rund 190 000 Personen in den rund 45 000 landwirtschaftlichen Betrieben Baden-Württembergs in unterschiedlichem Umfang Arbeitsleistung erbringen.
Dauergrünland in Baden-Württemberg
Das Thema Grünland ist spätestens seit Juli 2011 in Baden-Württemberg in einer breiteren Öffentlichkeit angekommen, als beschlossen wurde, den Umbruch von Dauergrünland gesetzlich zu verbieten.

