Die Schulreform in Baden-Württemberg

Was sich ändert: Frühkindliche Bildung, G9 und Co

Nach jahrelangem relativem Stillstand in der Bildungspolitik hat der Landtag von Baden-Württemberg im Januar 2025 das Schulgesetz geändert und eine Reform eingeläutet, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) als „das größte und umfassendste Bildungspaket“ seit Jahrzehnten bezeichnet. Er sagte in einer Regierungserklärung: „Damit stellen wir unser Bildungssystem auf ein neues, zukunftsfestes, stabiles Fundament – und zwar über das Ende dieser Legislaturperiode hinaus.“

Auch Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sah in dem neuen Schulgesetz „die Rechtsgrundlage für eine der umfangreichsten Bildungsreformen seit Jahrzehnten“. Die Reform sollte die Antwort geben auf die beunruhigenden Befunde aus den Leistungsvergleichen. Diese zeigen, dass fast jeder dritte Neuntklässler in Deutschland (32,5 Prozent) und 28,7 Prozent in Baden-Württemberg die Mindeststandards in Deutsch nicht erreichen. (IQB-Bildungstrend 2022). Tendenz: rasch sinkend. 

„Auf den Anfang kommt es an“, ist die Antwort Baden-Württembergs auf die zunehmende Heterogenität in den Klassenzimmern und auf vielfach schwächere Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Ministerin Schopper betont, es sei ihr „Herzensprojekt“, einen deutlichen Schwerpunkt auf die frühkindliche Bildung und auf die Grundschule zu legen. Außerdem werden durch die Gesetzesänderung neue Schulfächer – Demokratiebildung und Medienbildung/Informatik – eingeführt und Baden-Württemberg kehrt zum neunjährigen allgemeinbildenden Gymnasium, zu G9 zurück (Gesetzbeschluss zum Download). 

Frühe Bildung im Fokus

Sprache, Sprache, Sprache. Die zentrale Änderung im neuen Schulgesetz ist, dass Sprachförderung verbindlich wird. Es bleibt nicht mehr bei Empfehlungen für Eltern. Nun werden Programme eingeführt, an denen Kinder mit entsprechendem Bedarf teilnehmen müssen, damit sie in der Schule dem Unterricht folgen können. Zum Teil schon vor der Einschulung. 

Das neue Schulgesetz trägt unserer veränderten Schülerschaft Rechnung. Wir investieren enorme Summen und personellen Aufwand, um schon vor dem Schuleintritt dafür Sorge zu tragen, dass die Kinder in der ersten Klasse auch wirklich mitkommen. Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit beginnen mit dem sicheren Beherrschen der Sprache.“

Theresa Schopper, Kultusministerin

Mehr Sprachförderung soll für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Kultusministerin Theresa Schopper erhofft sich einen erfolgreicheren Umgang mit der Heterogenität in den Klassen.

Sprachlich fit vor der Schule

Bereits vor der großen Schulgesetzreform, nämlich im Kindergartenjahr 2024/25, hat das Programm „SprachFit“ mit 200 Gruppen begonnen. Wenn bei der Einschulungsuntersuchung Sprachförderbedarf festgestellt wird, sollen Kinder vier Stunden in der Woche in Kleingruppen gezielt unterstützt werden. 

Das Kultusministerium zählt im Kitajahr 2025/26 bereits rund 1.000 Gruppen. Das Angebot soll im Jahr 2027/28 flächendeckend sein. Der Plan sieht vor, dass dann der Ausbau auf 4.200 Gruppen abgeschlossen ist. Dann sind Eltern verpflichtet, ihre Kinder zu den Förderprogrammen zu schicken. Das gilt auch für die Kinder, die keine Kita besuchen.

Die Erhebungen zum Sprachstand und die Einschulungsuntersuchungen sind ebenfalls für alle Kinder verpflichtend (Schulgesetz, § 5). Weitere Infos auf der Seite des Kultusministeriums.

Offene Fragen zum Konzept

Die Förderung in gesonderten Gruppen ist nicht unumstritten. „Nicht vollständig durchdacht“, nennt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) das Konzept. Sie verweist auf eine eigene Umfrage, wonach 18 Prozent der Beteiligten unzufrieden seien, 38 Prozent sähen noch „erheblichen Handlungsbedarf“, sagt die GEW-Landeschefin Monika Stein. Das größte Problem sind die Fachkräfte. Die GEW verlangt die berufsbegleitende Qualifizierung der Fachleute in den Kitas im Bereich Sprache. 

Ähnlich sieht das Gerhard Brand, der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Zu oft fehle es schlicht am Personal. Die „zunehmend komplexen Bedarfe der Kinder“ lassen sich laut Brand auffangen durch hochwertige Fortbildungen des Personals, realistische Leitungszeit, verbindliche Standards und auch durch zusätzliches Personal für die Verwaltung der Kitas. Hier sieht der Verband Nachholbedarf. 

Das Kultusministerium will neben der Förderung in speziellen Gruppen auch die sogenannte alltagsintegrierte Sprachbildung und Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen stärken. Es ist vorgesehen, die Fachberatungen in den Kitas bis zum Jahr 2028 um 300 zusätzliche Stellen aufzustocken. 

Förderung in der Grundschule – die Juniorklassen

Die zentrale Neuerung in der Grundschule wird die Einführung von sogenannten Juniorklassen sein. 

Juniorklassen sind gedacht für Kinder, die schon schulpflichtig sind, aber voraussichtlich dem Unterricht in der ersten Klasse nicht folgen können, erklärt das Kultusministerium. Ursachen können Probleme mit der Sprache, aber auch Probleme mit der motorischen, kognitiven oder sozial-emotionalen Entwicklung der Kinder sein. Die Entscheidung über den Besuch einer Juniorklasse sollen die entsprechend qualifizierten Lehrkräfte an den Juniorklassen und die Schulleitung treffen.

Die Juniorklassen werden zum Schuljahr 2026/2027 eingeführt und gelten als zusätzliches Jahr der Förderung zur Vorbereitung auf die Grundschule.

Die Teilnahme an der Juniorklasse vor der ersten Grundschulklasse ist für die betreffenden Kinder Pflicht, die ab 1. August 2028 schulpflichtig werden. Bis dahin können Eltern der Empfehlung der Schulleitung folgen oder nicht. Der Unterricht in den Juniorklassen umfasst 25 Wochenstunden. In einer Juniorklasse sollen mindestens zwölf und höchstens 20 Kinder sein.

Es wird nicht an jeder Grundschule Juniorklassen geben, sie sollen aber „zumutbar“ erreichbar sein. Ziel ist, dass die Kinder nach dem Jahr in der Juniorklasse in die erste Grundschulklasse gehen können. 

Wer unterrichtet eigentlich in den Juniorklassen?

Das fragt zum Beispiel die SPD im baden-württembergischen Landtag. Die Antwort des Kultusministeriums: Grundschullehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher oder Kindheitspädagogen können in den Juniorklassen unterrichten. Sie alle werden vom staatlichen Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) für die Aufgabe qualifiziert. 245 Lehrerstellen gibt es bereits. Diese kommen aus den bisherigen Grundschulförderklassen, die aufgelöst werden. Bis zum Endausbau im Schuljahr 2028/29 sind laut Ministerium noch knapp 1.000 Grundschullehrkräfte und 430 pädagogische Fachkräfte notwendig. 

Juniorklasse oder Vorbereitungsklasse?

Juniorklassen sind nicht zu verwechseln mit Vorbereitungsklassen. Die Vorbereitungsklassen wenden sich vor allem an Kinder, deren Familien neu zugewandert sind. Dabei geht es vorrangig darum, Deutsch zu lernen. Vorbereitungsklassen gibt es vor allem an beruflichen Schulen, aber auch für Grundschulkinder. Kinder der ersten Migrantengeneration können beispielsweise Juniorklassen besuchen, nachdem sie die Vorbereitungsklassen absolviert haben und noch nicht fit genug für die erste Grundschulklasse sind. 

Wie geht es in den regulären Grundschulklassen weiter?

Auch in der Grundschule hört die Sprachförderung nicht auf. 

Wenn Kinder nach der einjährigen Juniorklasse noch Schwierigkeiten haben, können sie zusätzliche Sprachförderstunden in Klasse 1 und 2 bekommen. Auch Kinder, die Unterstützung bei der sprachlichen Entwicklung brauchen, aber keine Juniorklasse besuchen müssen, erhalten diese Förderung. 

Das Kultusministerium betont, dass die Sprachförderung auch in den Grundschulklassen 3 und 4 weitergeht: Vorgesehen seien durchgängige Fördermaßnahmen über die gesamte Grundschulzeit. Dazu gehöre auch mehr Zeit für Deutsch und Mathematik für alle Kinder. 

Multiprofessionelle Teams 

Es soll Fortbildungsangebote für Lehrer geben, die Elternarbeit soll gestärkt werden. Die Aufgabe will das Ministerium auf mehrere Schultern verteilen: Es will Seiteneinsteiger vermehrt einbeziehen, pädagogische Assistenten sollen zusätzliche Förderangebote machen.

Multiprofessionelle Teams könnten in fast allen Säulen von SprachFit eingesetzt werden, betont das Ministerium, und so Lehrkräfte entlasten. 

Bedenken am Konzept

Die GEW hält das gesamte Konzept für „sehr komplex“ und zweifelt an der wirksamen Umsetzung. Generell meint die Gewerkschaft: „Es braucht eine wesentlich intensivere Förderung in den Grundschulen, sowohl in den Basiskompetenzen wie auch in Deutsch und den Familiensprachen der Kinder und in Mathematik.“

Grundsätzlich befürworten jedoch die Bildungsverbände und auch die Opposition im Landtag, dass die Förderung früh einsetzen und verbindlich werden soll. So ließen sich Bildungsgerechtigkeit und bessere Schulqualität am ehesten erreichen. 

Grundschulempfehlung

Wollen Kinder nach der Grundschule auf das Gymnasium wechseln, brauchen sie eine verbindliche Grundschulempfehlung. Bisher konnten sich Eltern über die Empfehlung der Schule hinwegsetzen. Wenn Eltern jetzt nicht mit der Empfehlung einverstanden sind, können die Kinder einen Potenzialtest an einem Gymnasium machen.

Der Realschullehrerverband hat einen Volksantrag gestartet. Er will erreichen, dass wie für die Gymnasien auch für Realschulen eine verbindliche Grundschulempfehlung notwendig wird. Damit will der Verband das gegliederte Schulsystem stärken.

Das neue Gymnasium

Die Landesregierung ist sehr bemüht, die frühe Förderung von Kindern mit Startschwierigkeiten und die Verbesserung der Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt der neuen Bildungspolitik zu stellen. Weniger Kinder sollen durch die Reformen durch das Raster fallen, mehr Kinder sollen die Mindeststandards in den Leistungsvergleichen erreichen. 

Dominiert hat die Debatte um das das neue Schulgesetz aber die Rückkehr Baden-Württembergs zum neunjährigen allgemeinbildenden Gymnasium. Unter dem Druck von Elterninitiativen, von FDP und SPD und nach einem Bürgerforum sowie einem angestrebten (nicht zugelassenen Volksbegehren) schwenkte zunächst die CDU um. Zähneknirschend stimmten schließlich auch die Grünen der Abkehr vom flächendeckenden G8 zu. 

Seit dem Schuljahr 2025/26 gilt in Baden-Württemberg: Das Gymnasium in der Normalform (aufbauend auf der vierjährigen Grundschule) umfasst neun Schuljahre (§ 8, Abs. 2 Schulgesetz). Achtjährige Gymnasien müssen vom Kultusministerium genehmigt werden. 

Berufliche Gymnasien bleiben bestehen. Nach dem mittleren Bildungsabschluss können Schülerinnen und Schüler dort nach drei Schuljahren das Abitur machen. Auch Gemeinschaftsschulen können unter bestimmten Voraussetzungen eine dreijährige gymnasiale Oberstufe einrichten. 

So lange dauert der Weg zum Abitur...

... international

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Der internationale Vergleich ist wegen der unterschiedlichen Schulsysteme schwierig. Doch auf neun Jahre bis zum Abitur bringt es neben Deutschland lediglich die Slowakei. Selbst acht Jahre (wie in Österreich, Italien oder beispielsweise Litauen) sind im internationalen Vergleich überdurchschnittlich lang. In den meisten europäischen Ländern erstreckt sich die Sekundarschulzeit bis zum Abitur auf sechs Jahre. Allerdings dauert die Grundschule dort überwiegend sechs Jahre.

Sechs Jahre dauert auch die Grundschule in Berlin und Brandenburg. In Baden-Württemberg wurde 1992, vor fast 25 Jahren, in der schwarz-roten Koalition unter Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) der Nutzen einer sechsjährigen Grundschulzeit geprüft und verworfen. 

Was ist anders im neuen G9?

Die Gymnasiasten sollen mehr Zeit für Vertiefungen des Lernstoffs bekommen. Aber es handle sich nicht einfach um eine Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit von vor 2005. Das Kultusministerium betont, es gebe auch Innovationen.

Die Grundlagen in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache sollen gestärkt werden. Auch die sogenannten MINT-Fächer (nach den Anfangsbuchstaben benannte Fächergruppe Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) will die Landesregierung weiter stärken. 

Neue Schwerpunkte

Demokratiebildung

Demokratiebildung

Zusätzliche Unterrichtszeit ist für die Fächer Geografie und Gemeinschaftskunde vorgesehen. Sie soll für Demokratiebildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) eingesetzt werden. 

In der Unterstufe, den Klassen 5 und 6, wird es verbindliche Klassenlehrerstunden für die fächerübergreifende Demokratiebildung geben. Dann soll der Schwerpunkt Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) folgen, als Projektunterricht angebunden an das Fach Geografie, in der Regel fächerverbindend mit einem weiteren Fach.

In Klasse 11 soll in Gemeinschaftskunde die Demokratiebildung mit einem zusätzlichen Projektkurs vertieft werden.

Berufliche Orientierung

Berufliche Orientierung

Die Dauerforderung nach besserer beruflicher Orientierung der Gymnasiasten will die Landesregierung durch neue verbindliche Praktikums- und Praxiselemente ergänzen. Die berufliche Orientierung soll im Schulfach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung ausgebaut werden. Das Fach wird ab der achten Klasse unterrichtet, in der Regel bis Klasse 10 einstündig. 

Mehr Informationen zu den neuen Schwerpunkten Demokratiebildung, Informatik und Medienbildung finden Sie am Ende dieser Seite.

Lob und Tadel, eine Frage der Grundhaltung

Die Vertretung der Gymnasiallehrer im Land, der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV), begrüßt die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium: „Wir freuen uns über einen großen Schritt in die richtige Richtung“, so Martina Scherer, Landesvorsitzende des PhV BW. Der Verband hatte sich stets für G9 stark gemacht.

Die GEW, die die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium nicht als die vorrangigste Aufgabe in der Bildungspolitik betrachtete, gibt sich diplomatisch: „Die Einführung des G9 als Regelform eröffnet die Chancen auf einen gemeinsamen Bildungsplan an allen Schularten der Sekundarstufe I. Dies sind die Chancen für mehr Durchlässigkeit im Schulsystem.“

Jedoch sei G9 eine „riesengroße Herausforderung“, so die Landesvorsitzende Monika Stein. Sie weist auch auf die Betreuungssituation hin. „Das Gymnasium ist nicht mal mehr ganz eine Halbtagsschule. Eltern werden Schwierigkeiten mit der Betreuung bekommen“, sagt sie voraus.

Richtig warm wird auch der VBE nicht mit der Rückkehr zu G9. Er sieht andere, nötigere Baustellen und verweist, wie auch andere Kritiker darauf, dass es in Baden-Württemberg zum Beispiel über die Beruflichen Gymnasien den Weg zum Abitur in neun Jahren bereits gegeben habe.

Medienbildung/Informatik und Demokratiebildung: Neue Schwerpunkte

Wie soll Demokratiebildung an den Schulen gestärkt werden?

Informatik und Medienbildung als Schulfach


 

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Autorin: Renate Allgöwer

Renate Allgöwer ist Journalistin in Stuttgart. Sie berichtet seit vielen Jahren über die baden-württembergische Landespolitk. | Letzte Aktualisierung: November 2025

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