So geht es nach der Grundschule weiter

Gymnasium, Haupt-, Realschule und Co – und könnte eine Neue Sekundarschule helfen?

Was kommt nach der vierjährigen Grundschule? Haupt- bzw. Werkrealschule, Gemeinschaftsschule, Realschule oder Gymnasium? Das klingt schon nach großer Vielfalt, ist aber längst nicht alles, was das baden-württembergische Schulsystem zu bieten hat. Der Begriff Dreigliedrigkeit reicht gar nicht aus. 

Wer nicht direkt nach der Grundschule auf das Gymnasium wechselt, hat später vielerlei Möglichkeiten, zum Beispiel die Hochschulreife zu erlangen. Nicht von ungefähr legt das Kultusministerium eine 32-seitige Broschüre auf, die die Bildungswege in Baden-Württemberg weist. 

Dieses Dossier zeigt die große Vielfalt – und wirft einen Blick auf die Diskussion um eine mögliche neue Sekundarschule, die Fachleute aus Wissenschaft und Praxis immer wieder fordern.

 

Bildungswege in Baden-Württemberg

Allgemeinbildende Schulen

Berufliche Schulen

Die Landesregierungen rühmen sich seit Jahrzehnten, im baden-württembergischen Schulwesen gebe es keinen Abschluss ohne Anschluss. Dafür stehen besonders die beruflichen Schulen. Hier ist die Vielfalt noch größer als bei den allgemeinbildenden Schulen.

Wackelt das Schulsystem nach der Rückkehr zu G9?

Ministerpräsident Winfried Kretschmann nennt das baden-württembergische System „eines der komplexesten Schulsysteme der Republik“. Er wertet die jüngste Bildungsreform im Südwesten auch als Beitrag dazu, das System übersichtlicher zu gestalten.

Jetzt kommen zu den zahlreichen Schularten noch Verbünde hinzu, die Werkrealschulen und Realschulen eingehen können. Realschulen können dann Schüler, die den Hauptschulabschluss anstreben, an die Verbundschulen abgeben und so die Bildungswege Hauptschule und Realschule trennen.

Das mache die Sache nur noch komplizierter, findet beispielsweise die GEW. Die Regelungen seien „wachsweich“, wie GEW-Geschäftsführer Matthias Schneider auf Anfrage sagt. Die GEW verlangt, dass das Land die Einrichtung der neuen Verbünde steuert. Doch das Land will diese Aufgabe den Kommunen überlassen. 

Die Grundsatzfrage nach der Schulstruktur

Nach der Rückkehr zu G9 stellt sich für die GEW ohnehin die Grundsatzfrage nach einer Änderung der Schulstruktur. Damit ist sie nicht allein. Doch die Landesregierungen in Baden-Württemberg sind seit Jahrzehnten beim Thema Strukturveränderung äußerst zurückhaltend. Die grün-rote Koalition hat zwar nach 2011 mit der Einführung von Gemeinschaftsschulen einen Anlauf genommen, hat aber die konsequente Zweigliedrigkeit gescheut. 

„Niemand will an die Schulstruktur" beobachtet Matthias Schneider. Die Forderung verstummt dennoch nicht. Mit der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ist sie vielmehr wieder lauter geworden.

Vorschlag für eine Neue Sekundarschule

Fachleute aus der Bildungswissenschaft, von Hochschulen, Schulträgern sowie Schulleitungen fordern gemeinsam eine Neue Sekundarschule für Baden-Württemberg (zum Vorschlag als PDF-Dokument). Zu der Gruppe gehören beispielsweise Albrecht Wacker (PH Ludwigsburg), Thorsten Bohl (Universität Tübingen), Anne Sliwka (Universität Heidelberg) und Havva Engin (PH Heidelberg). „Heterogenität, Migration und Inklusion bringen soziale und pädagogische Herausforderungen mit sich, die Realschulen, Hauptschulen und Gemeinschaftsschulen deutlich stärker betreffen als die Gymnasien“, betonen sie. 

Sie befürchten, dass mit der Rückkehr zu G9 noch mehr Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildende Gymnasien wechseln und die anderen weiterführenden Schularten vor allem Schüler aus schwierigeren Milieus haben werden. Um „den Schieflagen“ zu begegnen, schlagen sie vor, Haupt- und Werkrealschulen, Gemeinschaftsschulen und Realschulen zu einer Neuen Sekundarschule zusammenzufassen. 

Ein solches zweigliedriges Schulsystem, bestehend aus der Neuen Sekundarschule und dem allgemeinbildenden Gymnasium, könne dem sozialen Wandel an den Schulen begegnen, so die Fachleute. Sie verweisen auf positive internationale Beispiele und gehen davon aus, dass die neue Struktur nach einer Vorbereitungszeit von vier Jahren schrittweise eingeführt werden könnte.

Die Schulart sollte alle Abschlüsse anbieten: Den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 oder 10, den Mittleren Abschluss nach Klasse 10. Danach könnten Schülerinnen und Schüler an beruflichen Gymnasien die Oberstufe besuchen oder in eigenen Oberstufen der Neuen Sekundarschule die Hochschulreife erlangen.

Positionen zu einer „Neuen Sekundarstufe“

GEW

GEW

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält es für sinnvoll, die Sekundarstufe I zu überdenken. „Es muss nicht das Konzept der Neuen Sekundarschule sein“, sagt GEW-Chefin Monika Stein. Aber nach der Landtagswahl 2026 müsse die Landesregierung darüber nachdenken, „wie neben dem allgemeinbildenden Gymnasium eine neue starke zweite Säule geschaffen werden kann“.

Gründe gäbe es laut GEW genug, etwa das zersplitterte baden-württembergische Schulsystem, Kämpfe um Ressourcen zwischen den Schularten, Bindung von Geld und Lehrkräften. Ein zweigliedriges System führe zu besseren Ergebnissen, meint die Gewerkschaft und verweist auf Erfahrungen in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Parteien

Parteien

Politisch erscheint ein zweigliedriges Schulsystem in Baden-Württemberg derzeit nicht wahrscheinlich. Die CDU tritt ebenso für das dreigliedrige Schulsystem in Baden-Württemberg ein wie die FDP und die AfD.

„Wir stehen für ein gegliedertes Schulsystem", sagt Manuel Hagel, CDU-Landeschef. (Quelle)

Vielfalt und Vielseitigkeit der Menschen spiegelt sich für die FDP in einem gegliederten Schulsystem wider. (Quelle)

Verschiedene Schularten fördern die individuellen Begabungen am besten, meint die AfD. (Quelle)

Grüne und SPD tendieren zur Zweigliedrigkeit

Mit zwei Säulen in die Zukunft, heißt die Devise der SPD. (Quelle)

Die jüngste Bildungsreform der grün-schwarzen Landesregierung sieht eine Strukturdebatte nicht vor. Dennoch bekennen sich die Grünen nach wie vor zu einem längerem gemeinsamen Lernen. (Quelle)

Wie machen es die anderen mit der Sekundarstufe?

Unter den deutschen Ländern halten neben Baden-Württemberg beispielsweise auch Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen am drei- bzw. viergliedrigen Schulsystem fest. 

Hamburg, Bremen, das Saarland, Sachsen und beispielsweise Schleswig-Holstein haben sich für das zweigliedrige System entschieden. 

Auch wenn das Schulsystem nicht der einzige Faktor für Erfolg ist, zeigt sich international: Der langjährige PISA-Primus Finnland hat ebenso eine neunjährige Gesamtschule für alle wie der neue europäische PISA-Star Estland. Eine Differenzierung in der Sekundarstufe 1 in verschiedene allgemeinbildende Schularten gibt es dagegen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und beispielsweise Luxemburg (Quelle, Seite 7).

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Autorin: Renate Allgöwer

Renate Allgöwer ist Journalistin in Stuttgart. Sie berichtet seit vielen Jahren über die baden-württembergische Landespolitk. | Letzte Aktualisierung: November 2025

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