So geht es nach der Grundschule weiter
Gymnasium, Haupt-, Realschule und Co – und könnte eine Neue Sekundarschule helfen?

Was kommt nach der vierjährigen Grundschule? Haupt- bzw. Werkrealschule, Gemeinschaftsschule, Realschule oder Gymnasium? Das klingt schon nach großer Vielfalt, ist aber längst nicht alles, was das baden-württembergische Schulsystem zu bieten hat. Der Begriff Dreigliedrigkeit reicht gar nicht aus.
Wer nicht direkt nach der Grundschule auf das Gymnasium wechselt, hat später vielerlei Möglichkeiten, zum Beispiel die Hochschulreife zu erlangen. Nicht von ungefähr legt das Kultusministerium eine 32-seitige Broschüre auf, die die Bildungswege in Baden-Württemberg weist.
Dieses Dossier zeigt die große Vielfalt – und wirft einen Blick auf die Diskussion um eine mögliche neue Sekundarschule, die Fachleute aus Wissenschaft und Praxis immer wieder fordern.
Bildungswege in Baden-Württemberg

Allgemeinbildende Schulen
Haupt- und Werkrealschule
Sie dauert fünf oder sechs Jahre und führt zum Hauptschulabschluss.
Realschule
Die Realschule führt nach sechs Jahren zum mittleren Bildungsabschluss. Sie bietet auch den Hauptschulabschluss nach fünf Jahren an.
Gemeinschaftsschule
Gemeinschaftsschulen dauern fünf, sechs oder neun Jahre.
Gymnasium
Das allgemeinbildende Gymnasium führt in der Regel nach neun Jahren zum Abitur.
Aufbaugymnasium
Eine Spezialform des Gymnasiums sind die Aufbaugymnasien.
Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ)
Wenn Schülerinnen und Schüler einen Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot haben, können Eltern wählen, ob ihr Kind eine allgemeine Schule oder ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) besuchen soll.
Berufliche Schulen
Die Landesregierungen rühmen sich seit Jahrzehnten, im baden-württembergischen Schulwesen gebe es keinen Abschluss ohne Anschluss. Dafür stehen besonders die beruflichen Schulen. Hier ist die Vielfalt noch größer als bei den allgemeinbildenden Schulen.
Berufliche Gymnasien
Sie gelten als echte Aufsteigerschulen. Es gibt sie in der dreijährigen Form sowie in der sechsjährigen.
Berufsschule
Sie ist der Ort für den schulischen Teil der dualen Ausbildung für rund 330 Ausbildungsberufe. Der andere Teil der Ausbildung findet in den Betrieben statt.
Berufsfachschule
Die einjährige Berufsfachschule kann auf das erste Ausbildungsjahr in einem Lehrberuf angerechnet werden. Die zweijährige Berufsfachschule (2BFS) baut auf den Hauptschulabschluss auf. Außerdem gibt es noch die drejährige Berufsfachschule für Pflege.
Fachschule
Nicht zu verwechseln mit der Berufsfachschule ist die Fachschule. Sie dauert ein oder zwei Jahre (in Teilzeit auch länger), setzt einen mittleren Bildungsabschluss voraus und kann zur Fachhochschulreife und einem anschließenden Studium führen.
Berufskolleg
Auch Berufskollegs können zum Studium an einer Hochschule führen.
Voraussetzungen für das einjährige Berufskolleg sind ein mittlerer Bildungsabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung. Das Kolleg führt zur Fachhochschulreife.
Berufsoberschule (BOS)
Die Berufsoberschule bietet Möglichkeiten, die Fachhochschulreife oder das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg zu erwerben.
Wackelt das Schulsystem nach der Rückkehr zu G9?

Ministerpräsident Winfried Kretschmann nennt das baden-württembergische System „eines der komplexesten Schulsysteme der Republik“. Er wertet die jüngste Bildungsreform im Südwesten auch als Beitrag dazu, das System übersichtlicher zu gestalten.
Jetzt kommen zu den zahlreichen Schularten noch Verbünde hinzu, die Werkrealschulen und Realschulen eingehen können. Realschulen können dann Schüler, die den Hauptschulabschluss anstreben, an die Verbundschulen abgeben und so die Bildungswege Hauptschule und Realschule trennen.
Das mache die Sache nur noch komplizierter, findet beispielsweise die GEW. Die Regelungen seien „wachsweich“, wie GEW-Geschäftsführer Matthias Schneider auf Anfrage sagt. Die GEW verlangt, dass das Land die Einrichtung der neuen Verbünde steuert. Doch das Land will diese Aufgabe den Kommunen überlassen.
Die Grundsatzfrage nach der Schulstruktur
Nach der Rückkehr zu G9 stellt sich für die GEW ohnehin die Grundsatzfrage nach einer Änderung der Schulstruktur. Damit ist sie nicht allein. Doch die Landesregierungen in Baden-Württemberg sind seit Jahrzehnten beim Thema Strukturveränderung äußerst zurückhaltend. Die grün-rote Koalition hat zwar nach 2011 mit der Einführung von Gemeinschaftsschulen einen Anlauf genommen, hat aber die konsequente Zweigliedrigkeit gescheut.
„Niemand will an die Schulstruktur" beobachtet Matthias Schneider. Die Forderung verstummt dennoch nicht. Mit der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ist sie vielmehr wieder lauter geworden.
Vorschlag für eine Neue Sekundarschule
Fachleute aus der Bildungswissenschaft, von Hochschulen, Schulträgern sowie Schulleitungen fordern gemeinsam eine Neue Sekundarschule für Baden-Württemberg (zum Vorschlag als PDF-Dokument). Zu der Gruppe gehören beispielsweise Albrecht Wacker (PH Ludwigsburg), Thorsten Bohl (Universität Tübingen), Anne Sliwka (Universität Heidelberg) und Havva Engin (PH Heidelberg). „Heterogenität, Migration und Inklusion bringen soziale und pädagogische Herausforderungen mit sich, die Realschulen, Hauptschulen und Gemeinschaftsschulen deutlich stärker betreffen als die Gymnasien“, betonen sie.
Sie befürchten, dass mit der Rückkehr zu G9 noch mehr Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildende Gymnasien wechseln und die anderen weiterführenden Schularten vor allem Schüler aus schwierigeren Milieus haben werden. Um „den Schieflagen“ zu begegnen, schlagen sie vor, Haupt- und Werkrealschulen, Gemeinschaftsschulen und Realschulen zu einer Neuen Sekundarschule zusammenzufassen.
Ein solches zweigliedriges Schulsystem, bestehend aus der Neuen Sekundarschule und dem allgemeinbildenden Gymnasium, könne dem sozialen Wandel an den Schulen begegnen, so die Fachleute. Sie verweisen auf positive internationale Beispiele und gehen davon aus, dass die neue Struktur nach einer Vorbereitungszeit von vier Jahren schrittweise eingeführt werden könnte.
Die Schulart sollte alle Abschlüsse anbieten: Den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 oder 10, den Mittleren Abschluss nach Klasse 10. Danach könnten Schülerinnen und Schüler an beruflichen Gymnasien die Oberstufe besuchen oder in eigenen Oberstufen der Neuen Sekundarschule die Hochschulreife erlangen.
Positionen zu einer „Neuen Sekundarstufe“
Städtetag
Städtetag
Der Städtetag, der die großen Schulträger vertritt, wird sich weiter mit der starken zweiten Säule im Schulsystem befassen, „auch wenn die Landesregierung derzeit an einem grundlegenden Umbau nicht interessiert scheint“, sagte Norbert Brugger, der Bildungsdezernent des Städtetags, auf Anfrage.
GEW
GEW
Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält es für sinnvoll, die Sekundarstufe I zu überdenken. „Es muss nicht das Konzept der Neuen Sekundarschule sein“, sagt GEW-Chefin Monika Stein. Aber nach der Landtagswahl 2026 müsse die Landesregierung darüber nachdenken, „wie neben dem allgemeinbildenden Gymnasium eine neue starke zweite Säule geschaffen werden kann“.
Gründe gäbe es laut GEW genug, etwa das zersplitterte baden-württembergische Schulsystem, Kämpfe um Ressourcen zwischen den Schularten, Bindung von Geld und Lehrkräften. Ein zweigliedriges System führe zu besseren Ergebnissen, meint die Gewerkschaft und verweist auf Erfahrungen in Hamburg und Schleswig-Holstein.
Verbände
Verbände
Matthias Wagner-Uhl, der Vorsitzende des Gemeinschaftsschulvereins in Baden-Württemberg, geht noch einen Schritt weiter. Er spricht sich auf Anfrage für ein integratives Schulsystem mit gemeinsamem Lernen aller bis mindestens Klasse 10 aus. Statt zwei Säulen stellt er sich sogar nur eine vor. Solche integrativen Schulsysteme leisten seiner Meinung nach „einen wichtigen Beitrag zur Demokratiebildung und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt".
Dagegen treten der Philologenverband, der die Gymnasien vertritt, sowie der Realschullehrerverband dafür ein, das gegliederte Schulsystem zu behalten.
Parteien
Parteien
Politisch erscheint ein zweigliedriges Schulsystem in Baden-Württemberg derzeit nicht wahrscheinlich. Die CDU tritt ebenso für das dreigliedrige Schulsystem in Baden-Württemberg ein wie die FDP und die AfD.
„Wir stehen für ein gegliedertes Schulsystem", sagt Manuel Hagel, CDU-Landeschef. (Quelle)
Vielfalt und Vielseitigkeit der Menschen spiegelt sich für die FDP in einem gegliederten Schulsystem wider. (Quelle)
Verschiedene Schularten fördern die individuellen Begabungen am besten, meint die AfD. (Quelle)
Grüne und SPD tendieren zur Zweigliedrigkeit.
Mit zwei Säulen in die Zukunft, heißt die Devise der SPD. (Quelle)
Die jüngste Bildungsreform der grün-schwarzen Landesregierung sieht eine Strukturdebatte nicht vor. Dennoch bekennen sich die Grünen nach wie vor zu einem längerem gemeinsamen Lernen. (Quelle)
Wie machen es die anderen mit der Sekundarstufe?
Unter den deutschen Ländern halten neben Baden-Württemberg beispielsweise auch Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen am drei- bzw. viergliedrigen Schulsystem fest.
Hamburg, Bremen, das Saarland, Sachsen und beispielsweise Schleswig-Holstein haben sich für das zweigliedrige System entschieden.
Auch wenn das Schulsystem nicht der einzige Faktor für Erfolg ist, zeigt sich international: Der langjährige PISA-Primus Finnland hat ebenso eine neunjährige Gesamtschule für alle wie der neue europäische PISA-Star Estland. Eine Differenzierung in der Sekundarstufe 1 in verschiedene allgemeinbildende Schularten gibt es dagegen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und beispielsweise Luxemburg (Quelle, Seite 7).
Autorin: Renate Allgöwer
Renate Allgöwer ist Journalistin in Stuttgart. Sie berichtet seit vielen Jahren über die baden-württembergische Landespolitk. | Letzte Aktualisierung: November 2025



